Predigt in der Osternacht – 11. April 2009

„Wendepunkte“ ist der Titel der Klangkomposition von der Sie einige Töne gerade gehört haben. Den größten „Wendepunkt“ überhaupt, den feiern wir in dieser Nacht: Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Liebe Gemeinde in der Osternacht, das zentrale Freudenfest der Christen beginnt ganz und gar nicht fröhlich, strahlend und hell. Wir standen im Dunkel hinter dem Lettner im Stiftschor, der Grablege der badischen Markgrafen. Wir sind dort nicht geblieben, aber die Wende eingeleitet wird am Grab. Ostern - beginnt mit der Trauer um einen verlorenen Menschen – um viele getötete Menschen durch die Zeiten hindurch. Trauer, Entsetzen und Schmerz lassen sich nicht ablegen wie ein Gewand. Wer kann das schon, den Schalter einfach umlegen? Auch die drei Frauen, die zum Grab Jesu gingen konnten das nicht. Sie wollten den Leichnam nach orientalischem Bestattungsritus einbalsamieren und so festhalten, was nicht zu halten ist. Sie haben sich wohl auch zum Grab gezogen gefühlt, weil damit ihre Erinnerung einen Ort hat, der sie mit dem Verstorbenen verbindet. Viele legen solche Friedhofswege zurück, bewegt von dem Wunsch, noch etwas festzuhalten von der vergangenen Zeit, von dem verlorenen Menschen. Aber es gilt sich dabei auch zu schützen vor Selbstmitleid, das in eine Sackgasse führt, erstarren lässt und letztlich nur bei sich selbst bleibt und so eine Wende zum Guten, zum Leben, behindert. Eine Wende braucht Zeit, wenn sie von Dauer sein soll. Es braucht Vertrauen, Glaube, damit etwas Neues werden wird woraus sich leben lässt. Die Klangkomposition Wendepunkte, die 13 Wochen in der Schlosskirche zu hören ist, hat in jeder Woche ein neues biblisches Wort, das von verschiedenen Personen gelesen wird, als Tonmaterial zur Verfügung. In dieser Woche, die als die Karwoche die Schwelle zu Ostern ist, verbirgt sich hinter den Tönen dieses bekannte Wort des Apostels Paulus aus seinem Brief an die Gemeinde in Rom (Römer 5,1-5): Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zu Schanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist. Warum wir diesen Text aufgenommen haben in die Wendepunkte? Beschrieben werden soll mit der Komposition die Wende vom 23. Februar, in Pforzheim der Inbegriff von Zerstörung, Leid und Tod – hin zum 23. Mai, dem Tag, als 1949, also vor 60 Jahren, die Bundesrepublik ein neues Grundgesetz bekam und damit eine bedeutende Wende geschafft war. Ohne Geduld, Hoffnung und Glaube, die Paulus nennt, wäre diese damalige Bewährungsprobe wohl nicht zu dem Ziel gekommen, das uns heute in relativer Ruhe und in Frieden unsere Wege in Europa gehen lässt. Aber davor waren von 1945 bis 1949 viele Frauen auf Friedhofswegen, wie sie die drei Frauen damals in Jerusalem auch schon gegangen sind. Aber was sie da erleben, durchbricht ihre enge Gedankenwelt, durchbricht ihre Wirklichkeit und durchbricht den scheinbar unabänderlichen Rhythmus von Gewalt und Tod in der Welt. Für Maria von Magdala, die andere Maria und Salome bringt der Weg zum eine große, die größte Wende. Matthäus erzählt in seinem Evangelium gar von einem Erdbeben, das den Friedhofsboden ins Wanken bringt. Aus der Grabeserde gestaltet sich etwas Neues, das den ganzen Glauben fordert. Auch bei den drei Frauen mit ihrer guten Absicht auf dem Weg zum Grab Jesu. Ein Engel im weißen Gewand hat den finsteren Stein davor zur Seite gerollt. Die Wende ist eingeleitet. Der lebendige Gott selbst hat sich Bahn gebrochen durch Enge und Verschlossenheit menschlicher Vorstellungskraft. Fast wie an Weihnachten werden drei tröstliche Worte gesprochen: „Entsetzt – fürchtet- euch nicht“ – Gott kommt, das Leben behält den Sieg. Licht – von Gott gegeben, kommt und gibt der Welt wieder Hoffnung. Wir haben in der Dunkelheit die Osterkerze entzündet und sie hierher in die Kirche getragen. Wie am ersten Schöpfungstag, bricht auch an Ostern etwas auf, aber es kommt alles anders als gedacht: „Ihr sucht Jesu den Gekreuzigten; er ist nicht hier. Er ist auferstanden, wie er gesagt hat.“ Diese Botschaft – wirft ein ganz neues Licht auf die Frauen in ihrer Trauer: Ihr geht den falschen Weg. Ihr sucht am falschen Ort. Ihr wolltet Jesus nur für euch haben, ihn festhalten mit eurer Trauer. Aber Gott lässt sich nicht festhalten – auch nicht im Tod: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt, erstirbt und vergeht, dann bleibt es unfruchtbar und nichts wächst daraus. Wo immer wir Gott einsperren, festhalten wollen in unseren Vorstellungen, Erwartungen und Wünschen, da kann dieses „Grab“ plötzlich „leer“ sein. ER ist nicht hier. Er will sich im Leben finden lassen – ihr aber rechnet nur mit dem Tod, als sei der Tod das letzte, woran man sich halten kann. Ostern wendet den Blick ins Leben und zuallererst in das Leben vor dem Tod. Und das ist auch eine Anfrage an alle, die mit Waffen und Gewalt meinen die Welt heute ordnen zu können – in Afghanistan oder im Irak, in Israel und Palästina. Wer mit Waffen droht, traut dem Tod, aber nicht dem Leben. Ostern eröffnet eine neue Wirklichkeit und weist weg vom Ort des Todes hin zum Leben. Ostern bringt die Wende schlechthin, will aufschrecken und aufwecken, bringt Licht, damit wir sehen, wohin wir gehen… Ostern will erschrecken und ermutigen, damit wir umkehren zum Leben. Aber: Entsetzt euch nicht! Wagt alles, alles und lasst nichts unversucht, was dem Leben dient: Auf diesem Weg wird Gott sich finden lassen. Das Osterlicht kommt aus dem Grab und es erreicht zuerst die Frauen. Matthäus erzählt noch, wie die Erschütterung und die Erleuchtung allmählich Wirkung zeigen: Die Frauen kehren um – aus einer Trauer, die nur noch dem Tod traut, in eine Trauer, die ins Leben führt, nach Galiläa – dorthin wo Jesus mit ihnen gelebt und gewirkt hat. Dorthin ist der ihnen Lebendige schon weit vorausgegangen. Sie wenden sich um und gehen ihm nach voller Furcht und Freude – und er, Jesus, wird da sein – im Leben. Nicht Tod und Vernichtung, sondern der lebendige Gott behält den Sieg. Das glauben zu können ist Gnade, bringt Frieden und macht gerecht, sagt Paulus. Er selbst steht für die Wende, weil er in das göttliche Licht geriet, das sein Leben verwandelt. Das neue Leben gibt Gott und der Zugang dazu ist Jesus Christus, der Auferstandene. Paulus hat es als einer der ersten und sehr nachhaltig für sich erfahren – ein echter Wendepunkt, der weiter wirkt. Auch für uns ist nichts mehr so wie es war, wenn wir im Glauben den Schritt mitgehen vom Karfreitag zum Ostersonntag. Wenn wir auf dem Weg zum Grab wenden und in Richtung Galiläa, Leben mit Jesus gehen, dort wird für uns wahr: Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Und Christus wird, wie auf dem beleuchteten Schlussstein im Deckengewölbe hier in der Schlosskirche, sitzen zur Rechten Gottes und sein Richten über die Welt wird geleitet sein von Gnade und Bramherzigkeit und von dem Ziel Leben zu geben und zu erhalten. Wir dürfen darauf vertrauen und sprechen: Gott, darum bitten wir dich heute, für uns und alle, die in diesen Tagen an den Schalthebeln der Macht sitzen, für alle, die immer noch den Tod auf ihrer Rechnung haben, für alle, die dir und dem Leben nicht trauen. Erschüttere uns. Lass unsere Gedankenwelt ins Wanken geraten. Komm und wälze den Stein weg, der noch immer und schwerer denn je vor den Gräbern unserer Herzen liegt. Komm, erreiche, durchdringe und belebe uns mit deinem Licht. Rühr uns an mit deiner Wirklichkeit und wende unseren Schritt auf den Weg, der zum Leben führt – auf dass dein Friede komme. Amen.

Bruno Dörzbacher, Pfarrer an der Schlosskirche